Sind bei eurer Trennung auch Sätze gefallen, die dir das Herz gebrochen haben?
Vielleicht hat dein:e Ex dir vorgeworfen:
- „Du hörst mir nie richtig zu.”
- „Auf dich kann man sich einfach nicht verlassen” oder
- „Unsere Beziehung und ICH sind dir egal!”
Und du denkst dir: Wie konnte es passieren, dass ihr die Realität eurer Beziehung so völlig unterschiedlich wahrgenommen habt?
In diesem Artikel möchte ich über ein Muster sprechen, das in den Trennungsgründen oft unerkannt bleibt, aber auch bei uns im Coaching häufig vorkommt, nämlich ADHS.
Wir schauen uns dafür 5 Phasen an, die Beziehungen mit einem ADHS-Partner durchlaufen, bis sie letztendlich oft zerbrechen.
Die 5 Phasen einer ADHS-Beziehung im Überblick
Phase #1: Der „normale“ Start
ADHS-Beziehungen starten in der 1. Phase zunächst ziemlich normal, wenn auch oft schon sehr intensiv oder auch spontan.
Und vielleicht kennst du ja auch diese Seite von dir: du bist ganz da, voller Tatendrang und Begeisterung für diese eine Sache – in diesem Fall für die neue Beziehung.
Doch wenn du diesen Artikel liest, stehst du vielleicht gerade am Ende der Beziehung, und da merkst du vielleicht rückblickend, dass im Laufe der Beziehung eigentlich eine ganz andere Version von dir präsent wurde.
Um zu verstehen, warum sich dein Verhalten im Laufe der Zeit so verändert hat, müssen wir jetzt einmal die Perspektive wechseln.
Wie sich ADHS zeigt in Beziehungen
Bei ADHS haben die meisten immer „das zappelige Kind” vor Augen.
Doch bei Erwachsenen zeigt sich ADHS in der Regel ganz anders und das ist dann auch das, was in erwachsenen Beziehungen oft zur großen Belastungsprobe wird.
Und zwar tun sich Menschen mit ADHS besonders schwer mit Aufgaben, die wenig unmittelbare Belohnung liefern, wo es immer wieder um das Gleiche geht, und wo es gewissermaßen auch nicht so schlimm ist, wenn man es auf morgen verschiebt.
All das können wir unter dem Begriff „exekutive Dysfunktion“ zusammenfassen.
Und du kennst das vielleicht von dir:
- In der Arbeit bist du Feuer und Flamme für neue Projekte, aber bei der Dokumentation blockiert dein Kopf.
- Freunde sagen dir mit Augenzwinkern, dass sie dir immer eine halbe Stunde früher sagen, dass du da sein sollst.
- Und in der Beziehung hast du vielleicht gehört, dass du nie zuhörst und dass man sich auf dich nicht verlassen kann.
Und jetzt merkst du vielleicht schon, wo später die Probleme herkommen, weil in einer erwachsenen Beziehung eben auch viel mit Wiederholung, Struktur usw. zu tun hat:
- den Alltag koordinieren
- den Haushalt schmeißen
- die Kinder organisieren
- die Finanzen im Blick behalten
Warum das ADHS-Muster anfangs unsichtbar bleibt
Am Anfang einer Beziehung ist das oft auch noch nicht wirklich relevant, weil die Anfangsphase immer aufregend ist.
Da ist man im Dopamin-Flash und in der Verliebtheitsphase.
Da gibt es keine Routinen und keine stumpfen immer gleichen Abläufe, oder zumindest nur wenige.
Man verbringt auch noch nicht so extrem viel Zeit zusammen, weshalb die eine oder andere Unpünktlichkeit oder ein Abschweifen im Gespräch dann gerne erstmal als „liebenswerte Verpeiltheit“ interpretiert wird.
Kurzum:
Das, was später zum Problem wird, zeigt sich da noch nicht oder noch nicht so, dass es schon zum Problem wird.
Phase #2: Aus Einzelfällen wird ein Muster
Ein Problem wird daraus dann ab Phase #2.
Denn sobald die Beziehung intensiver wird, wird auch das ADHS sichtbarer.
Der Grund ist:
Eine langfristige Partnerschaft bewährt sich nicht an den herausgehobenen Momenten der Dating-Phase.
Sie wird an der endlosen Wiederholung des grauen Dienstagnachmittags getestet.
Wenn der Beziehungsalltag zur Belastungsprobe wird
Ein Klassiker ist, wenn man zusammen zieht oder natürlich dann auch in späterer Folge, wenn man Kinder bekommt.
Denn je mehr die Beziehung wächst, desto mehr Routineaufgaben sind nötig.
Und das ist im Grunde eine ganz normale Entwicklung.
Damit steigt aber genau der Teil an Tätigkeiten und Aufgaben, wo sich ADHSler schwerer tun.
Und dadurch beginnt aus der „liebenswerten Verpeiltheit“ langsam ein Beziehungsproblem zu werden.
Viele Betroffene beschreiben rückblickend exakt diesen Moment in der Beziehung, wo der Partner anfing, plötzlich Dinge anzusprechen:
- Du, du hast da was vergessen,
- da ist was liegengeblieben,
- könntest du bitte pünktlicher sein,
- du hast versprochen, dich um das zu kümmern, aber dann ist es doch liegengeblieben.
Und weil du diesen Menschen liebst und ihn auf keinen Fall verletzen willst, verstehst du seinen Punkt in diesem Moment zu einhundert Prozent.
Es gibt bei dir eine tiefe, ehrliche Einsicht.
Du gibst ein aufrichtiges Versprechen ab: „Ich habe es verstanden, ich werde darauf achten.“
Das funktioniert dann eine Zeitlang auch. Aber vermutlich nur mit großer Anstrengung.
Und wenn es so einfach wäre, dann würdest du es ja direkt gleich machen.
Aber:
Wenn ADHS eine Rolle spielt, dann liegt genau da eben die Schwierigkeit.
Und das kriegt man dann auch nicht weg, nur weil man es sich vornimmt.
Die fatale Übersetzung: Was dein Partner wirklich erlebte
Früher oder später kommt dann der Rückfall ins alte Verhalten.
Du denkst dir: „Ich habe mein Bestes gegeben, aber ich habe es einfach vergessen.“
Doch dein Partner übersetzt dein Verhalten stattdessen emotional. Und diese Übersetzung erzeugte verheerende Sätze in seinem Kopf:
- „Ich muss alles zweimal sagen, damit es überhaupt registriert wird.“
- „Ich kann mich auf dein Wort und deine Zusagen schlichtweg nicht verlassen.“
Aus beziehungsstrategischer Sicht entsteht hier der erste, fundamentale Vertrauensschaden.
Für dich war jeder dieser Vorfälle ein isolierter, unabsichtlicher Moment, wo du ja auch nicht mutwillig deinen Partner verletzen wolltest.
Aber dein Partner setzt diese Punkte auf der Leinwand zusammen, und so wird aus Einzelfällen ein unzuverlässiges Muster.
Das Paradoxon der Inkonsistenz: Die Illusion des bösen Willens
Und meist wird das zusätzlich noch durch das Folgende verstärkt.
Ich hab ja anfänglich gesagt, dass sich ADHSler schwerer tun bei Routineaufgaben.
Aber das Gegenteil ist der Fall bei belohnenden Situationen:
Z.B. für neue Hobbys, für aufregende Ideen oder wenn’s mal um spontane Unternehmungen geht.
Und selbst in akuten Krisen bist du vielleicht plötzlich voll da und funktionsfähig.
Das ist einfach der Wesenskern von ADHS, aber in der Beziehung übersetzt sich das in einer fatalen Weise, weil es nämlich zur Illusion des bösen Willens kommt.
Weil der Partner nämlich Folgendes sieht:
Für die langweiligen Beziehungs-Dinge ist keine Energie da, das muss quasi alles er machen.
Während für Hobbys, Freunde und spontane Dinge viel Energie zur Verfügung steht.
Oder anders gesagt:
Für spannende Dinge ist Energie da. Für Beziehungspflichten nicht.
Und daraus leitet der Partner dann den toxischen Satz ab: „Du könntest es doch, wenn du wolltest.“
Dass es so einfach nicht ist, also dass es nicht einfach nur ein „nicht wollen“ ist, das ist mittlerweile klar geworden.
Und jetzt wird auch klar, warum es so wichtig ist, solche Muster zu kennen und benennen zu können.
Weil einerseits wird’s für einen selber leichter und man kann sich ggf. professionelle Unterstützung holen.
Und es wird für den Partner verständlicher, dass da eben kein böser Wille dahintersteckt, sondern etwas, das du kaum kontrollieren kannst.
Aber weil man das im Moment eben oft nicht so verstehen kann, dreht sich die Spirale weiter und man kommt zu Phase #3, wo die Kommunikation aufgeladener wird.
Phase #3: Die Kommunikation wird aufgeladener
Weil der Frust steigt, wird mit der Zeit auch die Kommunikation aufgeladener.
Und zwar aus 2 Gründen, die miteinander zu tun haben.
Wenn Emotionen mit Lautstärke 10/10 gefühlt werden
Mit ADHS ist auch eine Eigenschaft verbunden, bei der Gefühle stärker erlebt und schneller ausgelöst werden können.
AHDSler fühlen also nicht anders, aber viel intensiver. Jedes Gefühl, das reinkommt hat quasi immer „Lautstärke 10/10“.
Das heißt aber auch, dass man vorschnell Dinge sagt, die man eigentlich gar nicht so meint und dass damit in die vielleicht ohnehin schon aufgeladene Stimmung zusätzliche Eskalation reinkommt.
Das Resultat ist fatal: Ein Klärungsversuch eskaliert oft schon in den ersten zwei Minuten, noch bevor ihr überhaupt genau verstanden hattet, worum es eigentlich im Kern ging.
Von der Sachebene zum Charakterangriff
Aber nicht nur das, sondern: irgendwann geht’s auch nicht mehr nur um das Problem an sich, also um die Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit oder dass Dinge liegen bleiben.
Es geht weg von: „Da ist was liegengeblieben.“ zu „Du bist unzuverlässig“.
Das heißt, es geht von der Problem-Ebene auf die Charakter-Ebene.
ADHS ist etwas, dass sich durch das ganze Leben zieht.
Es beginnt schon als Kind, dass man nie still sitzen kann, bis hin zur erwachsenen Beziehung, wo man als unzuverlässig abgestempelt wird.
Die Folge ist, dass sich eine lebenslange Historie aufbaut von: „Du bist zu laut, du bist unfähig, du bist unzuverlässig.“
Und das ist der nächste Zündfunke für die Beziehungskrise: Weil das ein lebenslanges Muster ist, tritt es auch in jeder Beziehung auf – logisch!
Aber meistens wissen beide Beteiligten nicht, was gerade passiert und du hörst dann aber wieder das, was du immer schon gehört hast: „Du bist zu laut, du bist unfähig, du bist unzuverlässig.“
Alte Wunden und neue Nadelstiche
Und weil du das schon so oft gehört hast, bist du dahingehend vielleicht auch dünnhäutiger geworden.
Das ist auch nachvollziehbar: wenn du dein Leben lang schon hörst „Mit dir passt was nicht“, dann ist das eine absolut menschliche Reaktion.
Jede neue Kritik ist dann wie ein neuer Nadelstich und lässt die Gespräche eskalieren.
Phase #4: Partner wird zum Kontrollorgan
Und während Phase #3 noch oft laut ist, mit Gesprächen, Streit und den Versuchen, da auf einen grünen Zweig zu kommen, ist die nächste Phase #4 leiser.
Denn es folgt ein nächster fataler Gedanke: „Ich rede nicht mehr drüber, es bringt eh nichts außer Streit. Ich mache es ab jetzt einfach selbst und kontrolliere es im Hintergrund.“
Das stumme Mikromanagement im Hintergrund
Der Partner wird dann also still und leise zum exekutiven Kontrollorgan:
Er erinnert an Fristen, organisiert selber, überwacht akribisch im Hintergrund und macht Dinge selber, die du eigentlich machen solltest.
Für dich fühlte sich dieser Zustand wahrscheinlich furchtbar an.
Du hattest das Gefühl, auf Schritt und Tritt kontrolliert, bevormundet und mikromanagt zu werden.
Aber vielleicht ist zumindest wieder etwas mehr Ruhe in das Ganze reingekommen.
Der fatale Verlust der Augenhöhe
Aber euer gemeinsames Beziehungsfundament erodiert hier weiter und jetzt passiert das, was sich später dann auch oft in den Trennungsgründen zeigt.
Denn der Partner erlebt sich selber als der „Manager“ der Beziehung.
Ihr seid plötzlich kein Team mehr auf Augenhöhe.
Sondern ihr seid eine besorgte, kontrollierende Elternfigur auf der einen Seite – und ein erschöpfter, sich unverstanden fühlender Erwachsener auf der anderen Seite, der in ein kindliches Schutzmuster zurückfällt.
Und diese verlorene Augenhöhe macht Beziehungen kalt, weil der Respekt sinkt und damit auch Anziehung, emotionale Wärme und die Intimität.
Die Logik dahinter ist: „Ich kann niemanden begehren, um den ich mich ständig kümmern muss.“
Phase #5: Die Beziehung stirbt leise
Und damit ist oft das Sterben der Beziehung vorprogrammiert und der „point of no return” erreicht: weil sich die Fronten so verhärten, und weil man sich gegenseitig nicht mehr versteht.
Du fühlst dich kontrolliert, nicht ernst genommen oder bemuttert.
Und dein Partner fühlt sich im Dilemma: „Wenn ich nichts sage, muss ich mich um alles kümmern, wenn ich was sage, eskaliert es, weil man mit dir nicht in Ruhe reden kann.”
Die innere Kündigung des Partners
Der gefährlichste Moment in einer Partnerschaft ist nicht der laute, emotionale Streit.
Solange noch emotionale Energie im System ist, sind beide noch involviert.
Gefährlich ist es, wenn es still wird, und wenn die Gleichgültigkeit einsetzt.
Nämlich dann, wenn dein Partner aufhört, an eine Veränderung oder Besserung zu glauben.
Es kommt zu einer inneren „Kündigung“, ähnlich wie im Job.
- Dein Partner hört auf, dich an Termine oder Aufgaben zu erinnern. Er erledigt sie einfach wortlos selbst.
- Wenn du etwas vergessen hast, gibt es keinen großen Vorwurf mehr, sondern nur noch ein kühles Abwinken.
- Eure Gespräche werden komplett auf das organisatorische Minimum reduziert. Die emotionale Wärme und die Intimität nehmen rapide ab.
Und vielleicht ist bei dir da auch eine Missinterpretation passiert.
Weil der Streit weg ist, denkst du dir vielleicht: „Okay, es hat sich also alles etwas entspannt, wir streiten uns kaum noch.“
Dabei verwechselt man aber oft Stille mit Frieden.
Während du denkst, ihr hättet euch stabilisiert, bereitet dein Partner im Stillen nur noch den Tag vor, an dem er endgültig die Reißleine zieht.
Zusammenfassung und Ausblick
Und wenn du so aus der Vogelperspektive auf alles herabblickst, dann wird dir vielleicht auch nun klarer, was genau passiert ist.
Natürlich müssen diese 5 Phasen nicht genauso linear ablaufen, sie können ineinander übergehen und ihr könnt auch zwischen Phasen hin- und hergesprungen sein.
Aber vielleicht wirst du dich bzw. euch in diesem Muster wiedererkennen.
Wenn du dich hier wiedererkennst, fühlst du dich jetzt wahrscheinlich furchtbar.
Aber diese Erkenntnis ist deine stärkste Waffe.
Denn erst wenn du weißt, dass ADHS der unsichtbare Dritte in eurer Beziehung war, kannst du aufhören, an der falschen Stelle zu kämpfen.
Und weil dein Kopf gerade vermutlich ununterbrochen arbeitet, lass uns die Dinge alle mal sauber einordnen.
Die erste Frage lautet: Macht es nach all dem überhaupt noch Sinn zu kämpfen, oder ist es Zeit loszulassen?
Genau das kannst du in diesem Blogbeitrag von uns ganz genau für deine Situation herausfinden:
>>> Ex zurück oder Loslassen: Woran du erkennst, was in deiner Situation wirklich sinnvoll ist!
Alles Liebe,
Stephan












