Warum fällt es manchen Menschen so schwer, Nähe zuzulassen?
Warum haben sie das Gefühl, sich in Beziehungen zurückziehen zu müssen, sobald es zu intensiv wird, und selbst wenn sie sich eigentlich nach Liebe sehnen?
Die Antworten auf diese Fragen liegen oft in der Kindheit.
Frühe Bindungserfahrungen prägen, wie sicher oder unsicher wir uns später in Beziehungen fühlen.
In diesem Blogbeitrag erfährst du, woher Bindungsangst kommt und warum die Ursache oft (aber nicht immer!) in der Kindheit liegt.
Und wir schauen uns an, welche Erfahrungen in der Kindheit zu bindungsängstlichen Verhaltensweisen als Erwachsener führen.
Los geht’s!
Überblick: Das alles erfährst du hier!
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So zeigen sich die Auswirkungen der Bindungserfahrungen im Erwachsenenleben
Warum die Ursache für Bindungsangst nicht nur in der Kindheit liegt!
Der Umgang mit einem Bindungsängstler in erwachsenen Beziehungen
Woher kommt Bindungsangst? Die Ursachen in der Kindheit und wie frühe Erfahrungen unser Bindungsverhalten prägen
Genauso wie wir unsere Muttersprache von unseren Eltern unbewusst gelernt haben, haben wir auch unbewusst „Bindung“ von ihnen gelernt.
Und je nach Erfahrung als Kind entwickelt sich daraus dann ein bindungsängstlicher, verlustängstlicher oder sicherer Bindungsstil.
Um die Ursachen von Bindungsangst in der Kindheit besser zu verstehen und zu begreifen, woher Bindungsangst eigentlich kommt, hilft ein kurzer Blick auf die Grundlagen der Bindungstheorie.
Was ist überhaupt Bindungsangst und was versteht man unter Bindungsstilen?
Der Begriff Bindungsangst ist kein klar definierter Fachbegriff.
Streng genommen beschreibt er nur eine Extremform des sogenannten vermeidenden Bindungsstils.
Diese Menschen distanzieren sich in Beziehungen, sobald es emotional wird.
Im Alltag wird der Begriff aber oft breiter verwendet für alle Verhaltensweisen, die zeigen, dass ein Mensch Schwierigkeiten hat, sich zu binden.
Wenn du das Denken des vermeidenden Bindungsstils bzw. eines Bindungsängstlers besser verstehen willst, lies dir gern mal die Geschichte von Lukas in diesem Blogbeitrag durch – klick!
Generell unterscheidet man drei grundlegende Bindungsstile:
- den sicheren Bindungsstil,
- sowie zwei unsichere Bindungsstile.
Diese unsicheren Typen lassen sich wiederum auf einem Spektrum zwischen Nähe und Distanz einordnen:
- Menschen, die bei enger Bindung eher Distanz suchen, neigen zu Bindungsangst.
- Menschen, die bei enger Bindung stark Nähe suchen und Verlust fürchten, neigen zu Verlustangst. Man spricht hier auch vom „ängstlichen Bindungstyp“.
Der Rückzug oder das Klammern sind beides Versuche, mit innerer Unsicherheit in Beziehungen umzugehen.
Beide wurzeln meist in frühen Kindheitserfahrungen und können durch ehemalige Beziehungen, aber auch verstärkt oder abgeschwächt werden.
Wie wir in der Kindheit „Modelle“ für unser späteres Leben lernen
Wer verstehen möchte, wo die Ursachen von Bindungsangst liegen, sollte sich anschauen, wie wir in der Kindheit Beziehung „lernen“.
Denn in unserer Kindheit lernen wir nicht nur Lesen, Schreiben oder Radfahren, sondern auch, wie Beziehung „funktioniert“.
Das ist ein bisschen so, als würdest du eine Sprache lernen.
Wenn ein Kind hier in der Mitte von Oberösterreich aufwächst, dann lernt es den oberösterreichischen Dialekt, den charakteristischen Tonfall und bestimmte Ausdrücke.
Wenn das Kind aber ein paar Kilometer weiter in Tirol aufgewachsen wäre, würde es ganz anders sprechen.
Dafür hat sich das Kind nicht extra hingesetzt und den Dialekt gelernt.
Es hat ihn einfach jeden Tag gehört und erlebt und deshalb selbst übernommen.
Genauso funktioniert das auch mit Bindung.
Das Kind lernt automatisch, wie Bindung funktioniert, indem es erlebt, wie seine Eltern, Großeltern, Kindergärtner:innen oder Freund:innen mit Nähe, Zuneigung und Konflikten umgegangen sind.
Diese „Bindungssprache“ prägt sich ungefähr bis zum 12. Lebensjahr besonders stark ein.
Wir wenden sie dann unbewusst an, so wie wir eben unsere Muttersprache sprechen, ohne groß darüber nachzudenken.
Wenn das Kind erlebt hat, dass Nähe angenehm und sicher ist, wird es diese Sprache später fließend sprechen können.
Wenn das Kind aber erfahren hat, dass Nähe manchmal weh tut, dass sie mit Zurückweisung oder Überforderung verbunden ist, dann wird es vielleicht vorsichtiger sein.
So sprechen wir alle in unseren Beziehungen im Erwachsenenalter eine individuelle „Bindungssprache“.
Bindungsangst als „Überlebensstrategie“
Wie kann man sich die in der Kindheit gelernte „Bindungssprache“ von einem Bindungsängstler vorstellen?
Das lässt sich gut am Beispiel von einem „braven Kind“ erklären:
Von klein auf wird von ihm erwartet, dass es
- sich anpasst,
- still sitzt,
- freundlich ist und nicht stört.
Es soll „funktionieren“ wie ein kleiner Erwachsener.
Schon früh merkt dieses Kind: Wenn ich mich nicht so verhalte, wie es von mir erwartet wird, dann hat das Konsequenzen.
Diese Konsequenzen sind nicht immer offen sichtbar.
Oft sind es keine Strafen im herkömmlichen Sinn, dass es den Tisch verlassen muss oder auf sein Zimmer geschickt wird.
Die Konsequenzen sind tiefgreifender: Das Kind wird ignoriert, die Eltern distanzieren sich emotional und geben dem Kind das Gefühl nicht mehr gehört zu werden und zugehörig zu sein.
Das ist für ein Kind die schlimmste Strafe.
Nicht mehr „dazuzugehören“, bedeutet in seiner Welt: Lebensgefahr.
Ein Kind ist völlig abhängig von seinen Bezugspersonen.
Es braucht sie, um seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, wie Nahrung, Schutz, Zuwendung und emotionale Wärme.
Wenn also die Zugehörigkeit bedroht ist, spürt das Kind existenziellen Stress: Wenn ich nicht dazugehöre, überlebe ich nicht.
Mit der Zeit hat das Kind immer mehr Angst davor, die Zuwendung seiner Eltern zu verlieren.
Es möchte nicht nochmal zurückgewiesen oder abgelehnt werden. Es vertraut nicht mehr darauf, dass die Nähe seiner Eltern sicher und bedingungslos ist.
Um sein Überleben zu sichern, entscheidet sich das Kind deshalb unbewusst für Anpassung.
Es wird ruhig, brav, unauffällig und lernt, seine Gefühle und Bedürfnisse zurückzuhalten, um keine Zurückweisung zu riskieren.
Es hört auf zu kommunizieren, dass es etwas braucht oder etwas stört. Es versucht allen Konflikten aus dem Weg zu gehen, um nicht verstoßen zu werden.
Diese Strategien legt man aber als Erwachsener nicht ab, sondern diese bestehen tief drinnen weiter – als Anleitung für „Beziehung“.
Aber:
Das, was in der Kindheit eine gute Strategie war, wird im Erwachsenenalter oft zum Hindernis.
Der Erwachsene hat den Kontakt zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verloren, macht alles mit sich selbst aus, Konflikten wird aus dem Weg gegangen und zu viel Nähe fühlt sich nicht sicher an.
Die alte Schutzstrategie, die früher notwendig war, passt heute nicht mehr.
Das bindungsängstliche Muster aus der Kindheit bleibt, auch wenn die Gefahr längst vorbei ist!
Der psychologische Hintergrund: Wie führen bestimmte Verhaltensweisen der Eltern in der Kindheit zu Bindungsangst?
Um zu verstehen, wie Bindungsangst entsteht und welche Ursachen in der Kindheit liegen, lohnt sich ein Blick auf das Verhalten der Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren.
Denn:
Je nachdem, wie Bezugspersonen auf die emotionalen Bedürfnisse reagieren, entwickelt ein Kind unterschiedliche Strategien, um mit Nähe, Distanz und Verletzlichkeit umzugehen.
Im Folgenden schauen wir uns typische Situationen an, in denen Bindungsangst entstehen kann und was das Kind damals unbewusst daraus mitgenommen hat.
Fehlende Emotionsregulation oder Überforderung mit Emotionsregulation der Bezugsperson(en)
Was die Eltern tun: Stell dir vor, ein Kind bekommt am Esstisch einen Gefühlsausbruch, vielleicht, weil es müde ist, etwas nicht essen will oder sich einfach überfordert fühlt.
Die Situation ist für die Eltern unangenehm, vielleicht sind Freunde oder Bekannte dabei.
Sie reagieren überfordert und wütend auf ihr Kind und sagen Sätze wie:
- „Reiß dich zusammen!“
- „Jetzt benimm dich endlich!“
- „Das ist doch peinlich!“
Statt das Kind in seiner Gefühlswelt abzuholen, möchten sie, dass es seine Gefühle möglichst schnell verschwinden lässt.
Was das Kind lernt: Beim Kind kommt an: Meine Gefühle sind hier nicht willkommen.
Es merkt, dass es sich selbst beruhigen muss, weil niemand da ist, der hilft, die Emotionen zu sortieren oder zu regulieren.
Ganz im Gegenteil sind die Eltern überfordert und drohen mit Konsequenzen, wenn das Kind jetzt nicht spurt. Die Botschaft lautet:
- „Meine Gefühle und Bedürfnisse sind nicht wichtig.“
- „Ich muss mich um mich selbst kümmern, sonst werde ich abgelehnt.“
Langfristig lernt das Kind nicht, seine Emotionen offen zu zeigen oder zu kommunizieren und unterdrückt sie lieber.
Dieses Muster prägt später die Beziehungserfahrung: Nähe fühlt sich unsicher an, weil eigene Gefühle immer mit Zurückweisung verknüpft waren.
Unberechenbarkeit der Fürsorge
Was die Eltern tun: Viele Eltern sind grundsätzlich liebevoll mit ihren Kindern, aber auch sehr beschäftigt mit Arbeit, Haushalt oder eigenen Sorgen.
Sie wollen sich kümmern, schaffen es aber nicht immer.
Für Kinder wirkt das dann schnell unberechenbar: Mal ist Mama oder Papa voll da, hört zu, tröstet und ein anderes Mal hat sie oder er gar keine Zeit oder Geduld.
Das Kind kann nicht einschätzen, wann seine Gefühle und Bedürfnisse wichtig sind und wann nicht.
Je häufiger es Hilfe braucht und die Eltern dann mit Zurückweisung reagieren, desto mehr neigt das Kind dazu, die Dinge mit sich selbst auszumachen.
Was das Kind lernt: Das Kind spürt, dass Nähe und Zuwendung nicht selbstverständlich sind. Es erlebt, dass es manchmal Unterstützung bekommt und manchmal eben nicht.
Es kann nicht verstehen, welches Muster da dahintersteckt und warum die Eltern manchmal keine Zeit haben.
Daraus entwickelt sich innerlich die Überzeugung:
- „Ich bin nicht so wichtig, dass man sich immer um mich kümmert.“
- „Wenn ich mich auf andere verlasse, werde ich vielleicht verletzt.“
- „Ich kann mich nicht auf andere verlassen, also kümmere ich mich lieber selbst um mich.“
Mit der Zeit vermeidet das Kind es, um Hilfe zu bitten, um nicht wieder enttäuscht zu werden.
Die Ursache für Bindungsangst ist hier also die Folge gut gemeinter, aber unbeständiger Fürsorge in der Kindheit.
Vernachlässigung, Ablehnung oder frühe Trennung
Was die Eltern tun: In manchen Familien fehlt ein Elternteil oder eine Bezugsperson durch Trennung, Krankheit, Sucht oder sogar Tod.
Manchmal sind die Eltern zwar körperlich anwesend, aber emotional nicht verfügbar, weil sie selbst überfordert oder stark belastet sind.
Es gibt häufige, laute Konflikte, die teils gewalttätig ablaufen. Vielleicht schaffen sie es selbst gerade so sich um sich selbst zu kümmern, aber nicht um ihr Kind.
Was das Kind lernt: Das Kind lernt, dass Verlässlichkeit und Geborgenheit nicht sicher sind. Es zieht den Schluss:
- „Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen.“
- „Wenn ich jemanden brauche, ist niemand da.“
Kinder, die eine wichtige Bezugsperson verloren haben, egal, ob durch Tod, Trennung oder emotionale Abwesenheit entwickeln oft ein tiefes Misstrauen gegenüber Nähe.
Der Kern der Bindungsangst ist die Angst vor dem Verlassenwerden und ein geringer Selbstwert.
Nähe bedeutet automatisch das Risiko, dass jemand wieder geht oder sie verletzt. Daher wird Distanz zur sicheren Variante.
Faktoren außerhalb der Bezugspersonen
Auch wenn alle Bezugspersonen liebevoll und stabil sind, kann ein Kind außerhalb der Familie Erfahrungen machen, die sein Sicherheitsgefühl erschüttern.
Mögliche Situationen:
- Mobbing im Kindergarten, in der Schule, im Sport-Verein usw.
- Ausgrenzung durch Gleichaltrige
- Missbrauchserfahrungen oder Gewalt
Was das Kind lernt: Solche einschneidenden Erlebnisse vermitteln dem Kind:
- „Ich kann anderen nicht vertrauen.“
- „Früher oder später werde ich verletzt oder ausgeschlossen.“
- „Ich muss stark sein und darf niemanden zu nah an mich heranlassen.“
Selbst wenn zuhause Geborgenheit herrscht, kann das Vertrauen in andere Menschen verloren gehen und sich später als Bindungsangst zeigen.
In all diesen Fällen war der Rückzug, das Misstrauen oder die emotionale Zurückhaltung ursprünglich ein guter Schutzmechanismus.
So hat das Kind Schmerz, Zurückweisung oder Verlust gemieden. Diese Erfahrungen wurden jedoch zur Ursache von Bindungsangst.
So zeigen sich die Auswirkungen der Bindungserfahrungen im Erwachsenenleben
Die Strategien, die wir in der Kindheit entwickelt haben, verschwinden nicht einfach, wenn wir erwachsen werden.
Das Problem:
Was dem Kind damals als Schutz gedient hat, steht dem Bindungsängstler heute oft im Weg.
Wie zeigt sich Bindungsangst also im Erwachsenenalter?
Wie sich Bindungsangst als Erwachsener zeigt: Probleme nicht kommunizieren und plötzlich auf Distanz gehen
Die meisten Bindungsängstler ziehen sich zurück, wenn der Partner zu viel Nähe sucht.
Das kann passieren, wenn der andere mehr Kontakt einfordert, sich häufiger sehen will, mehr eingebunden werden will oder nach emotionaler Offenheit fragt.
Der Bindungsängstler hat nicht gelernt, seine Angst und Überforderung und sein Bedürfnis nach mehr Freiraum zu kommunizieren.
Er hat gelernt, das hat negative Konsequenzen. Er schluckt seine Gefühle und Bedürfnisse runter und macht sie mit sich selbst aus.
Deshalb bleibt vieles unausgesprochen. Statt zu sagen „Mir ist das gerade zu viel“, wird geschwiegen und innerlich angespannt mitgemacht, bis es irgendwann nicht mehr geht.
Dann folgt oft der plötzliche Rückzug und Funkstille: Der Bindungsängstler braucht Abstand, will Zeit für sich, flüchtet sich in Arbeit, Hobbys oder Freunde und reagiert kühl oder vermeidend.
Für den Partner wirkt das oft unerklärlich oder verletzend.
Gerade bei einem verlustängstlichen Partner führt dies dann zu Lösungsversuchen und Nachlaufen.
Der Bindungsängstler fühlt sich dadurch jedoch noch mehr unter Druck gesetzt und macht komplett dicht.
Wie sich Bindungsangst als Erwachsener zeigt: Nicht nach Hilfe fragen und alles mit sich selbst ausmachen
Bindungsängstliche Menschen haben meist große Schwierigkeiten, um Hilfe zu bitten oder Schwäche zu zeigen.
Sie haben gelernt, dass sie sich auf andere nicht verlassen können und am besten alles selbst machen.
Selbst wenn der Bindungsängstler Hilfe bräuchte, fühlt es sich für ihn unsicher an, zu fragen. Er könnte zurückgewiesen und abgelehnt werden.
Er möchte keinesfalls wieder in eine Abhängigkeit geraten, deshalb verlässt er sich lieber nur auf sich selbst.
Diese extreme Unabhängigkeit ist eine Schutzreaktion.
Das führt oft zu Kommunikationsproblemen in Beziehungen: Der Partner merkt, dass etwas nicht stimmt, bekommt aber keine Erklärung.
Wie sich Bindungsangst als Erwachsener zeigt: Nähe wollen und gleichzeitig vermeiden
Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und Zuneigung.
So auch der Bindungsängstler. Er will sich auf Beziehungen einlassen, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt.
Sobald die Nähe zu groß oder verbindlich ist, zieht er sich lieber wieder zurück. Zu groß ist die Angst wieder verletzt, verlassen oder enttäuscht zu werden.
Daraus entsteht oft ein ambivalentes „Heißt/kalt-Verhalten.
Am einen Tag will der Bindungsängstler seinen Partner unbedingt sehen und freut sich darauf und am nächsten Tag ist es ihm wieder zu viel und er geht auf Distanz.
Er sehnt sich nach Liebe, aber sobald sie da ist, wird sie zu viel.
Für den Bindungsängstler ist Nähe eng mit Schmerz und Ablehnung verknüpft.
Die alte Strategie, sich auf niemanden zu verlassen, läuft bis heute automatisch weiter, auch wenn man längst in einer sicheren, erwachsenen Beziehung ist.
Warum die Ursache für Bindungsangst nicht nur in der Kindheit liegt!
Wenn du das jetzt gelesen hast, glaubst du vielleicht, dass die Ursache für Bindungsangst einzig und allein in der Kindheit liegt.
Doch so einfach ist es nicht.
Denn nicht jede schwierige Kindheit führt automatisch zu Bindungsangst.
Und auch umgekehrt kann jemand mit einer frühen sicheren Bindung später Bindungsangst entwickeln.
Bindungsstile sind also veränderlich. Sie ändern sich im Lauf des Lebens durch neue Erfahrungen, Beziehungen, Krisen und Entwicklungen.
Nicht jede schwierige Kindheit führt automatisch zu Bindungsangst!
Manche Kinder wachsen in herausfordernden Umständen auf und entwickeln trotzdem eine sichere Bindungsfähigkeit.
Das liegt daran, dass Bindung nicht nur durch die Eltern geprägt wird, sondern durch alle wichtigen Beziehungen bzw. Bezugspersonen im Leben.
Wenn es also außerhalb der Familie stabilisierende Einflüsse gab, zum Beispiel eine verständnisvolle Lehrerin, ein Trainer im Sportverein, gute Freunde oder liebevolle, präsente Großeltern, dann kann das Kind dort positive Bindungserfahrungen machen.
Diese Beziehungen wirken wie Gegengewichte zu belastenden Erlebnissen zu Hause und stärken die innere Widerstandsfähigkeit des Kindes.
Auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle:
Manche Kinder sind von Natur aus robuster, offener oder flexibler.
Solche Eigenschaften können helfen, schwierige Situationen besser zu verarbeiten und Vertrauen zu entwickeln.
Vom sicheren Bindungstyp zum Bindungsängstler durch eine prägende Erfahrung
Bindungsstile können sich nicht nur zum Positiven, sondern leider auch in die andere Richtung verändern.
Stell dir vor, ein Kind erlebt sichere Bindungserfahrungen und wächst mit Vertrauen und emotionaler Wärme auf. Später als Erwachsener führt die Person eine geborgene, liebevolle Beziehung über viele Jahre.
Ohne es in irgendeiner Weise kommen zu sehen, kommt es in einer Beziehung zu einem massiven Vertrauensbruch.
Plötzlich bricht die gesamte Wahrnehmung der Beziehung zusammen.
Das Vertrauen, das jahrelang selbstverständlich war, wird tief hinterfragt und erschüttert.
Die Person fragt sich, wie sie jemals wieder jemandem so tief vertrauen kann.
In so einem Fall kann aus einem ursprünglich sicheren Bindungsstil dann Bindungsangst entstehen.
Der Schmerz einer massiven Enttäuschung überschreibt das alte Sicherheitsgefühl.
Auch im Erwachsenenalter bleibt unser Bindungssystem veränderbar.
Welche Erfahrungen Bindungsangst im Erwachsenenalter begünstigen oder verfestigen
Es gibt einige Erfahrungen, die aufgezählt werden können, die die Entstehung von Bindungsangst begünstigen oder bereits bestehende bindungsängstliche Tendenzen verfestigen.
- Affären: Wenn man in einer Beziehung betrogen wurde oder der Partner eine Affäre über Jahre hatte.
- Lügen: Wenn das Vertrauen massiv erschüttert wurde, weil man belogen oder hintergangen wurde vom Partner.
- Scheidung oder Trennung nach einer langen Beziehung: Das ist ganz besonders dann der Fall, wenn die Trennung besonders unerwartet oder plötzlich gekommen ist.
- Lang andauernder emotionaler Stress und fehlende Unterstützung: Etwa durch permanente Konflikte, Überlastung oder fehlende Stabilität im Leben.
Je häufiger solche Erfahrungen gemacht werden, desto stärker kann sich ein Schutzmuster im Sinne von: „Ich halte lieber Abstand“ wieder einschleifen – selbst dann, wenn man eigentlich Nähe und Verbindung sucht.
Also:
Die Ursache von Bindungsangst kann, aber muss nicht in der Kindheit liegen!
Der Umgang mit einem Bindungsängstler in erwachsenen Beziehungen
Die Strategien, die ein Kind einst entwickelt hat, verschwinden nicht einfach mit dem Erwachsenwerden.
Wenn du glaubst, dass dein Partner (oder vielleicht auch du selbst) bindungsängstlich ist, dann schau mal, ob dir diese Anzeichen bekannt vorkommen:
Wie sich Bindungsangst zeigt [die typischsten Anzeichen in der Beziehung]
Die typischsten Anzeichen für Bindungsangst sind:
- Schwierigkeiten im Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen
- Probleme werden nicht angesprochen, sondern mit sich selbst ausgemacht
- Starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit
- Schwierigkeiten Hilfe anzunehmen
- Probleme mit Zukunftsplanung und Verbindlichkeit
Mehr dazu erfährst du in unserem entsprechenden Blogbeitrag dazu:
>>> 8 eindeutige Anzeichen für Bindungsangst [jetzt die Muster erkennen!]
Verstehe deinen eigenen Bindungsstil und eure „Bindungs-Trigger“ in der Beziehung!
Jeder Bindungsstil reagiert unterschiedlich auf Nähe, Distanz und Unsicherheit.
Gerade wenn du selbst eher ängstlich gebunden bist, kann das Verhalten eines vermeidenden Partners besonders stark deine inneren Trigger aktivieren (und auch umgekehrt!).
Unter „Triggern“ verstehen wir bestimmte Verhaltensweisen, die das Bindungssystem aktivieren bzw. „triggern“.
Dieser Trigger ist wie der Auslöse-Knopf, sodass man selbst bzw. der Partner dann das eigene charakteristische Bindungsverhalten zeigt.
Bestimmte Situationen triggern einen Bindungsängstler und dann flammt der innere Drang nach Rückzug auf.
Das könnte zum Beispiel der Wunsch des Partners sein gemeinsam in den Urlaub zu fahren, mehr Zeit miteinander zu verbringen oder mehr miteinander zu schreiben.
Der Bindungsängstler fühlt sich dann sofort eingeengt und zieht sich zurück.
Wenn du beispielsweise eher ängstlich gebunden bist, löst der Rückzug deines Partners in dir jedoch das Gefühl aus, nicht wichtig oder geliebt zu sein.
Daraufhin wächst dein Drang nach Nähe.
Genau dieser Druck verstärkt beim bindungsängstlichen Partner wiederum das Bedürfnis nach Distanz.
Darum ist es so wichtig, auch deinen eigenen Bindungsstil zu verstehen und zu erkennen.
So kannst du besser verstehen, wie deine Reaktionen die Dynamik unbewusst beeinflussen.
Achte also gut darauf, was den Bindungsängstler triggert und sprich in einem entspannten Moment an, wie ihr mit diesen Situationen am besten umgehen könnt.
Wenn du weißt, dass auch das zu Rückzug führen wird, dann setze erstmal bei deinem eigenen Bindungsstil an und schaffe mehr Stabilität, bevor du das zum Thema machst.
Deinen eigenen Bindungstyp kannst du mit diesem Test herausfinden:
Komm raus aus der Retter-Rolle!
Viele glauben, sie könnten den Bindungsängstler „retten“ und ihm seine Angst vor einer Beziehung nehmen.
Genau das führt jedoch in eine ungesunde Dynamik und zu einem Ungleichgewicht zwischen euch.
Der Bindungsängstler muss selbst lernen, mit seinen Mustern und Triggern umzugehen.
Was du tun kannst, ist eine sichere und stabile Beziehungsebene anbieten, in der Veränderung überhaupt möglich wird.
Sprich deine eigenen Grenzen klar an, damit ihr wieder auf Augenhöhe kommt.
Achte gut auf dich selbst!
Eine Beziehung mit einem vermeidenden Partner kann emotional anstrengend sein.
Darum ist es entscheidend, dass du gut für dich sorgst:
- Pflege deine Freundschaften,
- widme dich deinen Hobbys und Interessen und
- schenke dir selbst die Zuwendung, die du dir wünschst.
Wenn dein Fokus nicht ausschließlich auf der Beziehung liegt, fällt es dir leichter, das Bedürfnis des Bindungsängstlers nach Freiraum zu respektieren, ohne dich selbst zu verlieren.
Willst du noch tiefer in das Thema eintauchen?
Du hast also gelernt, dass die Ursache von Bindungsangst stark von den frühen Erfahrungen als Kind abhängt.
Aber eben nicht nur:
Bindungsangst kommt manchmal auch aus Erfahrungen im Erwachsenenalter: aus einem Vertrauensbruch oder einer krassen Enttäuschung.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedergefunden hast oder einfach besser verstehen möchtest, wie Beziehungen mit Bindungsängstlern wirklich funktionieren, dann haben wir etwas für dich:
>>> Unser kostenloses E-Book „Beziehungen mit Bindungsängstlern“!
Darin erfährst du, wie du mit Bindungsangst im Alltag umgehen kannst, was du konkret tun kannst, um aus dem Nähe-Distanz-Kreislauf auszusteigen und wie eine Beziehung trotzdem gelingen kann.
Wenn deine Situation jedoch etwas verzwickter ist, kann es auch hilfreich sein, persönlich mit einem Experten zu sprechen, wo du alles ganz genau durchbesprechen kannst.
Hier unterstütze ich dich gern im Coaching:
>>> Klicke hier, um dir gleich einen persönlichen Termin zu holen!
Alles Liebe,
Elena


















